Ja, so warn’s die alten Rittersleut…

In meinem letzten Beitrag habe ich über „Friedrich der Weise“ geschrieben, Luthers  Landesherr, Arbeitgeber und Beschützer. In diesem Beitrag soll es um einen anderen Anhänger Martin Luthers gehen, einen Ritter aus dem niederen Adel.Nun ist die Frage, was hat Luther denn mit Rittern zu tun? Luther hatte eigentlich mit den Rittern nichts zu tun, aber die Ritter mit Luther. Bevor ich jetzt diesen Zusammenhang und die daraus resultierende Geschichte erzähle – noch ein paar Worte zu den Rittern allgemein: Eigentlich ist ja durch Bücher, Film und Fernsehen alles bekannt. Aber zum besseren Verständnis folgt eine kurze Übersicht der Entwicklung bis in Luthers Zeit: Als die neuen mittelalterlichen Reiche England, Frankreich und das deutsche, sogenannte heilige römische Reich entstanden, waren sie auch schon wieder von außen bedroht. Von Afrika aus eroberten die Araber die Iberische Halbinsel (Spanien als Ganzes gab es noch nicht) und bedrohten Frankreich. Aus Osten fielen die wilden Horden der Ungarn in die späteren deutschen Gebiete ein und aus dem Norden brach der große Wikinger Sturm los, letzter Teil der Völkerwanderung. Zur Abwehr dieser Gefahren brauchte es neue schlagkräftige Kämpfer und die wurden als gut gepanzerte Reiter, als geschulte Nahkämpfer gebildet. Diese hatten dem König, Kaiser und Fürsten Kriegsdienst zu leisten und bekamen dafür Land, das sogenannte Lehn. Die Einnahmen daraus ernährten sie und sorgten für die Ausrüstung. Bauern die auf dem besagten Land lebten waren dem Belehnten dann Untertan und mussten ordentliche Abgaben leisten. Aus diesen Panzerreitern entwickelte sich dann der Ritter so wie er allgemein bekannt ist.

In der Zeit der Kreuzzüge wurde das Image des Ritters noch einmal aufgewertet. Nun war er auch ein Streiter für Gott und den rechten Glauben. Allgemein sollte er sowieso der edle Kämpfer für Gerechtigkeit und Beschützer der Schwachen sein. Die Realität sah oft anders aus. Im 12. und 13. Jhd. erreichte das Rittertum seine Blütezeit. Doch schon im 14. Jhd. begann der Niedergang. Bessere Fernwaffen wie der englische Langbogen und jetzt auch die Feuerwaffen sowie die immer besser werdende Infanterie nahmen den Rittern ihren ersten Platz auf dem Schlachtfeld ab. Die eigentliche Gefahr war aber der wirtschaftliche Abstieg.  Während die Ritter durch Seuchen, Preisverfall und Klimaveränderung aus ihren Ländereien immer weniger Gewinne erzielten, waren die Stadtbürger nun die wirklich Reichen. Jetzt kommt es zu den sogenannten Raubrittern. Sie überfallen unter dem Deckmantel der Fehde die Kaufmannszüge der reichen Städter und bessern damit ihre Kassen auf. Zur Zeit Kaiser Maximilians, der auch der letzte Ritter genannt wird, erlebt das Ritter- und Turnierwesen nochmal einen kurzen Höhepunkt. Doch zu ihrer alten Bedeutung finden sie nie zurück. Um ihren Statusverlust entgegen zu wirken, schlossen sich im deutschen Reich 600 Ritter zu einem Adelsbund zusammen, den sogenannten Reichsrittern. Zu ihrem Anführer wählten sie Franz von Sickingen und nun sind wir bei dem Ritter angelangt der mit Martin Luther in Verbindung  steht.

Auf der Ebernburg, dem Stammsitz von Sickingen, ereignete sich 1521 kurz nach Ostern eine interessante Episode. Die Burg ist einen Tagesritt von Worms entfernt wo ja Luther bekanntlich vor dem Kaiser  stehen wird, aber genau das will dieser noch im letzten Moment  verhindern. Der neue 21jährige Kaiser Karl V ist nämlich in der Zwickmühle. Die päpstlichen Gesandten die auf dem Reichstag sind, werden auf eine Verurteilung Luthers drängen, aber von den anwesenden Reichsständen sind viele für Luthers Reformen. Luthers Reise nach Worms gleicht eher einem Triumphzug als einen Bußgang. So unternimmt der Kaiser einen letzten Versuch, ihn trotz seiner Vorladung aufzuhalten. Er schickt seinen Beichtvater Jean Glapion auf die Ebernburg. Dort befinden sich schon Ulrich von Hutten und Pfarrer Martin Bucer unter Sickingens Schutz, beide Anhänger Luthers und von der Bannandrohungsbulle mitbedroht. Hutten, Bucer und Glapion diskutieren nun über Luther. Bucer der bestimmt um Martin Luthers Leben fürchtet, will ihn wohl auch lieber in Sicherheit wissen. Er lässt deshalb Luther in der Diskussion so aussehen als wäre er nur an einer Kirchenreform innerhalb des Reiches interessiert und sonst fest in der traditionellen Kirche verankert. Glapion ist selbst einer innerkirchlichen Reform nicht abgeneigt, überzeugt Hutten und Bucer davon, dass Luther einzelne Punkte seiner Schriften widerrufen soll um wenigstens Teile der Reform vor einem pauschalen Verbot zu retten, am besten gleich hier auf der Ebernburg wo Luther sicherer ist als in Worms.

Bucer reitet nun los um Luther abzufangen. Am 14. April erwischt er ihn in Oppenheim bei Frankfurt und unterbreitet ihn Glapions Vorschlag. Luther lehnt ab. Sein freies Geleit läuft in zwei Tagen ab. Kommt er nicht rechtzeitig in Worms an, verspielt er sein Leben. Es wird berichtet, dass seine Gegner genau darauf hoffen. Hätte sein freies Geleit auf der Ebernburg nicht mehr gegolten, hätte man versuchen können, ihn dort als gewöhnlichen Ketzer zu verhaften. Jetzt kann man nur spekulieren, ob Glapion ein doppeltes Spiel getrieben hat, ob der Burgherr Sickingen eine Verhaftung überhaupt zugelassen hätte und Luther dann vor einem Inquisitionsgericht gelandet wäre, denn widerrufen hätte er bestimmt nichts. Wir wissen es kam anders. Luther bestätigte vor dem Kaiser sein Werk und eröffnet nun die Reformation im vollen Umfang. Nachdem die Reichsacht über ihn verhängt wird, bot ihm Sickingen erneut Asyl auf der Ebernburg an. Auch dieses lehnt Luther ab. Klar, dass er lieber den Schutz seines Landesherrn auf der Wartburg annimmt. Über seine vorgetäuschte Entführung ist er vor seiner Abreise aus Worms eingeweiht worden. Doch Luther ist Franz  von Sickingen für seine Hilfsangebote sehr dankbar. Er widmet ihm seine Schrift „ Von der Beichte“ und nennt ihn seinen „besten Freund und Patron“ der „nicht mit Brief und Worten, sondern mit der Tat diejenigen von der reformatorischen Erneuerung überzeugen wird, die noch abseits stehen“ (S.37/38, Quelle s.u.). Einige von Luthers Anhänger haben den Schutz der Ebernburg gern in Anspruch genommen. Das Bild der Ebernburg „als Herberge der Gerechtigkeit“, als Sammelbecken verfolgter Reformatoren, die von dort durch ihre Schriften und die Schlagkraft ihres Burgherrn Luthers Sache vorangetrieben haben, ging in die Geschichte ein.

Franz von Sickingen stellte sich nicht aus religiösen Gründen auf die Seite der Reformation aber er teilte manche Forderungen: eine Nationalkirche, die kein Geld mehr an den Papst für die Besetzung ihrer Ämter abführte; eine weltliche Gerichtsbarkeit, die nicht länger der geistlichen Gerichtsbarkeit Roms unterstellt war; ein Kaiser als Zentralgewalt im Reich, der Macht, Einkünfte und Besitz der geistlichen Fürsten einschränkte. Diese Forderungen deckten sich teilweise mit Luthers Schrift „ An den christlichen Adel deutscher Nation“. Hier fühlten sich vor allen die Ritter aus dem niederen Adel angesprochen und aufgefordert die Reform in die eigene Hand zu nehmen. Wie am Anfang erwähnt, befinden sie sich in einer Krise. Hutten (der auch Ritter war) schlug vor, mit dem Geld das man sich von der Kirche zurückholen könnte, verarmter Ritter in einem Reichsheer zu beschäftigen und zu bezahlen. Sickingen schrieb an seine Standesgenossen, dass die Reformation eine Bewegung sei die lediglich den alten Zustand wiederherstellen will mit dem gewohnten Stand der Ritter. Es ist erstaunlich wie die Menschen Ereignisse für ihre Sache nutzen und verdrehen.

Es blieb aber nicht nur bei Worten. 1522 zettelten Sickingen und Hutten den „Pfaffen-“ auch genannt „Ritterkrieg“ an. Das Ziel war das geistliche Fürstentum Trier und der geistliche Kurfürst, Erzbischof Richard von Greifenglau. Franz von Sickingen wollte ihn absetzen und an seine Stelle treten, Trier in ein weltliches Fürstentum umwandeln und von dort aus die Reformation vorantreiben. Es kam also zur Belagerung  von Trier. Die Stadt hielt aber trotz einem siebentägigen Beschuss stand. Sickingen zog sich erst einmal auf seine Burg Nanstein zurück. Andere Ritter drückten sich um eine Entscheidung für ihn, obwohl der gebildete von Hutten alle propagandistischen Fäden zog. Sie wollten wohl abwarten wie sich die anderen Fürsten verhalten würden. Die gingen im Jahr darauf zum Gegenangriff  über. Der Erzbischof von Trier, Landgraf Philipp von Hessen und der Kurfürst Ludwig von der Pfalz rückten mit über 30000 Mann und neuer schwerer Artillerie vor Burg Nanstein an. Bei dem Beschuss wurde Franz von Sickingen schwer verletzt. Er starb  kurz nach Übergabe der Burg am 7. Mai 1523. Ulrich von Hutten entkam, floh in die Schweiz, starb aber kurz darauf an Syphilis in einem katholischen Pfarrhaus. Mit Franz von Sickingen trat die Ritterschaft als politische Größe von der Bühne der Macht ab.

Luther schrieb als er von Sickingens Tod erfuhr: „ Gott ist doch ein gerechter und wunderbarer Meister. Er will dem Evangelium nicht mit dem Schwerte helfen“.

Quelle: Geschichte 5/2005

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