Die Sache mit der Zeit

Das lesen dieses Textes dauert ca. 4 Minuten.

Wie oft habe ich in den letzten Monaten gehört: „Keine Zeit“.

Auf Arbeit, in der Familie, in den Gemeinden, in den Vereinen – nahezu überall. Mit steigender Tendenz. Liegt es am Zeitgeist, an den vielen Angeboten, an den hohen Ansprüchen oder an geringerer Belastbarkeit? Was ist die Ursache und noch viel entscheidender – was ist die Konsequenz?

Der Tag hat 24 Stunden, 1.440 Minuten oder 86.400 Sekunden. Viele Dinge sind fix und fallen als frei verfügbare Zeit weg. Essen, Schlafen, Toilettenbenutzung…  Beim Schreiben stelle ich fest, dass eigentlich nur das die wirklich unantastbaren festen Zeiten sind. Was käme noch in Frage?

Arbeit. Die Sache mit der Arbeit ist eine entscheidende, betrachtet man den Zeitaufwand, den man mit ihr verbindet. Dank der guten Konjunkturlage sind zunehmend mehr Menschen in Arbeit. Es herrscht in einigen Branchen Fachkräftemangel. Die Gewerkschaften fordern erhebliche Gehaltsanpassungen – und Erleichterungen in den Nebenbedingungen. Geringere Wochenarbeitszeit, die Möglichkeit eines Sabbaticals, Flexibilität. Ist die Arbeit eine Fixzeit? Aus meiner Sicht nur, wenn wir am Existenzminimum leben. Darüber hinaus ist es eine bewusste Entscheidung und die hat dann viel mit Priorität zu tun. Was ist mir wichtig und wieviel Zeit wende ich dafür auf? Könnte ich mit 4 Stunden mehr Zeit und dafür 10% weniger Gehalt auch leben?

Ehe und Familie. Die Ehe- und Familienzeit fällt sehr unterschiedlich aus und passt sich an die jeweiligen Arbeitszeitmodelle an. Man liest von Qualitytime, von exklusiver Zeit. Tatsächlich hat dieser Bereich zwei Ebenen. Die Quantitative und die Qualitative. Sind zwei Stunden gemeinsames Fernsehen besser als 30 Minuten intensiver Austausch oder gemeinsames mit den Kindern spielen? Schaffen wir es in einem strikt vorgegeben Zeitrahmen auch eine gute Zeit zu haben? Gibt es überhaupt Zeit für Familie, für die Ehe? Auch hier ist es eine bewusste Entscheidung und die hat dann viel mit Priorität zu tun. Was ist mir wichtig und wieviel Zeit wende ich dafür auf? Könnte ich mit 30 Minuten mehr qualitativer Zeit auch leben?

Glaube. Glaubt man ihren Aussagen, spielt für Viele Glaube eine wichtige Rolle. Schaut man in den Alltag, lässt sich dies zumindest hinterfragen. Schaue ich auf mein Leben und erstelle eine Rangliste nach täglichem Zeitaufwand, dann erscheint Glaube mit all seinen Facetten nicht sehr weit vorn. Selbst wenn ich gemeinschaftliche Aktivitäten, die ich zweifellos mit zum gelebten Glauben hinzu zähle, berücksichtige. Wieviel Zeit investiere ich? Auch hier ist es eine bewusste Entscheidung und die hat dann viel mit Priorität zu tun. Was ist mir wichtig und wieviel Zeit wende ich dafür auf? Könnte ich mit 30 Minuten mehr Glaubenszeit auch leben? Wie würde das mein Leben verändern?

Hausarbeit / Haus und Hof. Auch dies nimmt einen mehr oder weniger großen Teil unserer „freien“ Zeit ein. Manchmal bewundere ich in dieser Hinsicht Menschen, die zu zweit in einer kleinen Mietwohnung leben. Was müssen die für eine Zeit haben… (-; Aber auch  hier ist es eine bewusste Entscheidung (auch mit großem Hof) und die hat dann viel mit Priorität zu tun. Was ist mir wichtig und wieviel Zeit wende ich dafür auf? Könnte ich mit ein wenig mehr Unordnung leben?

Sind wir Opfer unseres Lebens? Opfer des Zeitmangels? Aus meiner Sicht ist es nahezu immer ein Prioritätenmangel. Wie viel Zeit ich mit etwas verbringe, macht eine Aussage darüber, wie wichtig mir etwas ist. Und das meine ich nicht anmaßend. Jeder hat das Recht seine eigenen Prioritäten zu benennen und zu leben. Ich fände es in der Kommunikation nur fair und folgerichtig, dann auch zu sagen „Es ist mir nicht so wichtig.“ bzw. „Dafür möchte ich keine Zeit investieren.“ anstatt „Ich habe keine Zeit“. Ich denke, das würde uns auch ganz persönlich von dem Thema „Zeitdruck“ entlasten.

Das könnte Dich auch interessieren...

3 Antworten

  1. Yvonne sagt:

    Dass Glaube den ersten Platz in meiner Rangliste einnehmen muss, habe ich lange so gedacht und bin daran immer wieder gescheitert. Doch: Gott braucht nicht den ersten Platz, sondern er will gern in jedem Punkt meiner Rangliste eine Bedeutung haben.

  2. MIcha sagt:

    Vielleicht passt es dazu 🙂
    Wir alle haben Kinder oder sind Kinder.
    Kinder sind was Wunderbares, und man investiert viel Mühe und Zeit um den Kindern das Beste zu ermöglichen.
    Kleines Gedankenspiel
    Stell dir dein Kind vor, das kaum mit dir spricht,
    wenn es mit dir redet, dann macht dein Kind das mal nebenbei, mit anderen Gedanken und Beschäftigungen.
    Es wirkt ständig abgelenkt, oder du wirst ständig ignoriert.
    Dein Kind unterhält sich maximal 15 min pro Tag mit dir,
    dabei kommst du nie zu Wort.
    Du wartest Tage Monate Jahre und es ist immer dasselbe, andere Sachen sind wichtiger als Du.
    Du weist alles was im Leben so passieren kann, und würdest dein Kind so gern vor Vielem bewahren.
    Keine Zeit zum Zuhören, keine Zeit für Gespräche, wenn dein Kind mal mit dir spricht dann gibt es Bestellungen auf was du zu besorgen hast .
    und macht dir Vorwürfe warum Dinge passieren die nicht geplant waren.
    Du hast keinen Zugang du willst es aber auch nicht erzwingen, weil du dein Kind so sehr liebst.

    Dein Vater der Schöpfer des Universums wartet jede Sekunde auf Dich.

  3. Karla sagt:

    Toller Artikel. Der Schreiber spricht mir aus dem Herzen. Danke Pierre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.