Darf’s ein bisschen mehr sein?

Da sagt man doch „ja“, auch wenn man es eigentlich gar nicht wollte.

Das Leben scheint uns oft diese Frage zu stellen: Geht da nicht noch was? Kann man da nicht noch mehr und etwas Besseres machen? Soll das so etwa schon genügen? Schau was andere auf die Beine stellen, was da alles noch möglich ist! Instagram und andere mediale Plattformen zeigen, was und wie man alles erreichen kann. Wir müssen nur wollen! Und da sind wir wieder am Ausgangspunkt: Woll(t)en wir das eigentlich?

Wenn man die Menschen fragt, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist, so sind die Antworten oft sehr ähnlich: Familie, Freunde, Gesundheit, Sicherheit, Frieden, Glaube,…. Alles durchaus so gemeint und ehrlichen Herzens. Aber das Leben dieser Menschen spricht oft eine ganz andere Sprache: Es gibt ständig etwas, das gerade dringend getan werden muss. Anfragen und Möglichkeiten ohne Ende. Und am Ende des Tages bleibt dann einfach keine Zeit und Kraft mehr für das, was wichtig ist. Die Kinder müssen funktionieren, der Partner bitte auch, Krankheiten werden als störend empfunden und mit Medikamenten unterdrückt, die Zeit mit GOTT komprimiert. Und die leisen Töne von Körper, Seele und Menschen werden überhört, man kommt nicht über ein Gespräch zwischen „Tür und Angel“ hinaus. Was für einen Großteil unserer Mitmenschen durchaus ausreichend ist, für eine echte Beziehung zu GOTT, uns selbst und anderen aber zu wenig. Die brauchen Zeit und (Frei)raum. Doch das wird beides aufgefressen, von Dingen, die sichtbarer und lauter sind. Man hilft, wo man gefragt wird, kümmert sich um dieses und jenes, ist sehr beschäftigt und immer im Stress. In der Weihnachtszeit nimmt das oft groteske Züge an und ich frage mich, für wen man das eigentlich macht und ob das wirklich Sinn der Weihnachtszeit ist. Eigentlich ist der Advent ja eine Fastenzeit und ich spüre eine Sehnsucht in mir nach Weniger von allem, besonders jetzt. Weniger Machen, mehr Sein. Ich sehne mich danach, dass alles wieder den Platz bekommt, den es verdient. Elefanten wieder zu Mücken werden. Die großen, aufgebauschten Dinge sind letztenendes doch oft die Unwichtigsten. Wie Johanna Klöpper so treffend schreibt:

“ Richtig ist oft klein, leise und unscheinbar.“

Und deshalb so unattraktiv, wird schnell vergessen und als erstes weggelassen, wenn es eng wird. Weil es ja auch kaum jemand bemerkt. Und man rennt lieber weiter, um allen anderen Dingen und Anforderungen gerecht zu werden.

Leute, ich mach da nicht mehr mit! Wir haben dieses Jahr zu fast allem „Nein“ gesagt, außer zu wichtigen Terminen der Kinder, und das erste Mal seit vielen Jahren empfinde ich die Adventszeit als stimmig mit ihrer Bedeutung.

Und was für den Advent gilt, will ich auch im übrigen Jahr leben: Entrümpeln, Aussortieren, Wichtiges vom Unwichtigen trennen, Freiräume schaffen. Ich bin es leid, immer mitzurennen, beschäftigt zu sein, aber meine eigentlichen Prioritäten und Berufungen deshalb nicht leben zu können. Es stört mich, dass das Menschliche selbst in unserer Gemeinde so hinten ansteht, weit hinter all den Dingen, die getan und bedacht werden wollen. Es wird so immens viel Kraft in Veranstaltungen, Vorhaben und Traditionen gesteckt, die Ansprüche werden immer größer, es wird immer mehr gemacht, dabei gleichzeitig an allem Bestehenden festgehalten, während die Schultern, die das tragen, immer weniger werden und älter. Friede und Freude gehen verloren, nur (Eier)kuchen gibt’s immer mehr als genug.

Veränderungen

Die Kirche als Institution hat das erkannt und beschlossen, dass eine Reform nötig ist, weil es einfach viel weniger Mitglieder gibt, die unmöglich alles Bestehende am Laufen halten und die (auch finanziellen) Lasten tragen können. Die Rechnung geht nicht mehr auf. Nun überblicke ich nicht alle Folgen dieser Reform und einige mögen schmerzhaft sein, aber es ist unübersehbar notwendig. Es ist eine Chance, unser Gemeindeleben endlich einer gesunden Realität anzupassen, alte Strukturen zu hinterfragen und aufzubrechen, zu schauen, was wollen wir behalten und was war lange Zeit nützlich, kann jetzt aber (Neuem) Platz machen. Es ist eine Chance, endlich Unwichtiges und Festgefahrenes loszulassen und somit Freiräume für Wachstum zu schaffen. Leider sind die mir bekannten Reaktionen das totale Gegenteil. Es wird gejammert und geklagt. Vorschläge für Veränderungen werden kommentiert mit : „Das wäre der Anfang vom Ende!“

Nein, der Anfang vom Ende ist es, wenn alles so bleibt. Wachstum kann nur passieren, wo Freiräume geschaffen werden und Veränderung willkommen ist. Ein zartes neues Pflänzchen braucht Platz und Licht und Liebe um zu gedeihen. Das ist momentan nicht möglich, alles ist zugewachsen. „Gewachsene Strukturen ist eine beschönigende Formulierung für Stillstand“, hab ich neulich gelesen. Und Stillstand verhindert nötige Neuausrichtungen.

Wir sollten uns als Christen und als Gemeinde einmal fragen: Was ist eigentlich unser Auftrag? Was ist uns wichtig? Sind es die großen und kleinen Veranstaltungen und Kreise, ist es ein schön hergerichtetes Gebäude und Kirchengrundstück? Ein „ordentlicher“ Friedhof? Wofür wollen wir unsere Zeit und Kraft hauptsächlich einsetzen? Wofür wollen wir als Gemeinde stehen? Und zuallererst: Was möchte GOTT?

GOTT schreit nicht

Wenn all die Zeit und Kraft, die in die großen Events im letzten Jahr geflossen sind, in Menschen investiert worden wären, welch einen nicht zu ermessenden Segen hätte das bewirkt. Menschen zu begleiten -unabhängig von ihrer Kultur, Religion oder Lebensweise-, ihre Not zu sehen und sie aus der Beziehung heraus vielleicht zu JESUS führen zu können, das ist unser Auftrag. Die Menschen dort abholen, wo sie sind, Leben mit ihnen zu teilen, ihnen GOTTes Liebe weiterzugeben, das wäre um sovieles besser als aufwändige Evangelisationen zu stemmen und Riesenfeste zu feiern. Wobei zumindest das eine eine gute Sache ist, wenn viel Kraft und Zeit übrig wären. So ist es aber nicht. Jeder ist bis zum Rand verplant und hat im Grunde keine Kapazitäten. Und wieder mal leidet das Wichtigste: Familie, Freunde, Gesundheit, Glaube,….. Denn auch der Glaube braucht nicht in erster Linie christliche Veranstaltungen, sondern Zeit und Raum. GOTT schreit nicht, sondern redet leise, da muss es mal still sein in uns und um uns.

Das Gleichnis von Maria und Martha kennt jeder, der Aussage stimmen alle zu und ihre Wichtigkeit wird sehr gern betont, aber ich treffe so selten eine Maria! Besonders in unseren Gemeinden. Es gibt so wenige! Weil es enorm viel Kraft und Willensstärke erfordert, die Ruhe sich zu bewahren. Man muss ständig „Nein“ sagen und erntet Unverständnis und Missbilligung, wie Maria. Man muss unweigerlich Leute und Erwartungen enttäuschen. Es wäre kurzfristig leichter, mit dem Strom zu schwimmen und mitzumachen. „Das aktive Leben kann gleichzeitig das passivste sein. Man wird einfach mitgezogen, getragen, herumgeworfen, fortbewegt.“ (Thomas Merton). Genau so ist es. Aber wir alle haben nur ein Leben. Ich habe nur ein paar Jahre, meine Kinder zu begleiten und zu prägen mit einem Leben, hinter dem ich stehe, einer Ehe, aus der sie für ihre eigene später lernen können und einem Frieden aus der Beziehung zu GOTT, den sie spüren und erleben. Dafür will ich meine Zeit und Kraft investieren. Das gelingt mal besser und mal schlechter, ist aber jede Anstrengung wert. Weil es nachhaltig ist, einen bleibenden Wert schafft und über mein eigenes Dasein hinausgeht, sowohl im hier und jetzt als auch in der Ewigkeit.

Es braucht Freiräume und Ruhe, um GOTTes Reden zu hören, auf der richtigen Spur zu bleiben und herauszufinden, was ER sich mit meiner kleinen Existenz so gedacht hat. Ich möchte nicht vor lauter ToDo’s meine Berufung versäumen. Wir sind als Licht für die Welt gedacht, so steht es in der Bibel. Es ist nicht unsere primäre Bestimmung, eine möglichst gut laufende Gemeinde mit vielen Angeboten zu sein. Wir drehen uns so sehr um unsere eigene kleine Kirche, das für die Welt kaum Energie und Interesse übrig ist. Das spüren die Leute und manche haben es schon bitter erfahren müssen. Genausowenig interessiert sich die Welt deshalb für die Kirche und damit für GOTT. Es liegt an uns! Mal schnell vor ProChrist Leute einladen, ist deshalb vergebliche Mühe und falsch gedacht. Wir sollen in der Welt leuchten und nicht warten, dass die Welt zu uns kommt. Das wird so nicht passieren. Und es ist verständlich.

Es gibt ein schönes Bild, dass ich mit in’s neue Jahr nehmen möchte: Wir sollten unser Leben als eine Schale begreifen und nicht als einen Kanal. Eine Schale ahmt die Quelle nach. Sie lässt sich füllen bis zum Rand und läuft dann über, wird zum Fluss und schließlich zur See. Wenn eine Gemeinde sich auf ihre wahre Bestimmung besinnt, ist sie ein Licht in der Welt, sie braucht nicht viel zu tun oder laut zu rufen, um auf sich aufmerksam zu machen. Jeder kann das Licht von selbst als solches erkennen.

Ich will mich an die Quelle halten, mich füllen lassen und darauf vertrauen, das GOTT dann etwas wachsen lassen kann.

 

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