Glaube nicht alles, was du denkst!

Wie bin ich eigentlich so wirklich in mir drin?  Welche Charaktereigenschaften und Gefühlswelten machen mich aus? Und ist das ok so oder hätte ich es eigentlich lieber anders?

Wie groß ist der Unterschied zwischen dem, was ich bin und fühle und dem, was ich gerne wäre und fühlen würde?

Ich bemerke in letzter Zeit bei mir selbst und anderen, wie sehr uns dieser Graben zwischen Wunschvorstellung vom eigenen Ich und der Wirklichkeit belastet. Und wieviel Kraft wir aufwenden, um ihn zu überwinden, sprich uns anstrengen so zu sein, wie wir es für gut und erstrebenswert halten. Und es stellt sich mir  immer mehr die Frage: Nach welchen idealen Eigenschaften genau streben wir da und vor allem: Wer hat diese Ideale aufgestellt, denen wir so unbedingt nahekommen wollen?
Ich spreche hier von Menschen aus christlichen Gemeinden.  Die meisten, die ich kenne, bemühen sich freundlich, sanftmütig, hilfsbereit und gastfreundlich zu sein, in der Gemeinde mitzuarbeiten, Nettigkeiten zu verteilen und überhaupt diesem Ideal eines frommen Menschen möglichst nahe zu kommen (eventuell auffallende Diskrepanzen zu Schreibenden sind rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt!). Lange dachte ich auch, das ist es, was uns Christen ausmacht und was GOTT von uns möchte: Lieb und fromm und fleißig sein! Es hat ja auch niemand etwas anderes gesagt. Und so habe ich viiiiiiel Kraft investiert um mich zu optimieren. Die Vorraussetzungen waren recht schlecht und ich hatte wohl deshalb nur sehr mäßigen Erfolg. Es gelang mir einfach nicht, so zu sein, wie ich gerne wollte und ich es für richtig hielt!  Allein ich selbst stand mir im Weg, diesem Ideal nahezukommen.

Aber woher stammt eigentlich dieses Vorbild, dem alle so nacheifern? Ich wollte wissen, wo diese Person(en) vorkommen und wer sie uns als Vorbild gegeben hat. Also habe mich auf die Suche gemacht -und bin nicht fündig geworden. Weder in der Bibel noch in den Biografien von Menschen, die Jesus nachfolgten. Ich habe nicht einen einzigen Menschen in der Bibel gefunden, der mit den oben genannten Eigenschaften beschrieben wird und über den GOTT sagt: So ist es gut! Und ehrlich gesagt hat mich das enorm erschüttert und beruhigt zugleich. Es gibt überhaupt keine Menschen, die so waren und weder GOTT noch JESUS haben je erwähnt, dass es in irgendeiner Weise wichtig sei, diesem Bild gerecht zu werden!

Ich treffe so viele Leute, die enorm viel ihrer Kraft, Nerven und Zeit dazu verwenden, anders zu sein als sie sich gerade wirklich fühlen oder gar sind. Geduldiger, freundlicher, hilfsbereiter und weniger aufbrausend oder genervt, eben  schön „christlich“. Und es macht mich mit der Zeit immer trauriger und wütender, weil so viele in diesen irrwitzigen Ansprüchen gefangen sind. Niemand scheint diese vermeintlich frommen Ansprüche zu hinterfragen und immer mehr werden innerlich krank und traurig, weil sie ständig gegen sich selbst, ihr eigenes Ich ankämpfen, in der Annahme, es sei nicht gut so wie es ist und müsse dringend „christlich“ oder menschlich optimiert werden. Aber keiner kann sein Innerstes wirklich ändern oder Gefühlen etwas vorschreiben. Spätestens zuhause in den eigenen vier Wänden ist Verstellen nicht dauerhaft möglich. Versagen, Frust und Selbstzweifel oder -hass sind vorprogrammiert. Nach außen dringt davon meist nichts.

Wieviel Echtheit, Gelassenheit, Fröhlichkeit und bunte Vielfalt geht verloren, weil alle stets bemüht und freundlich sind, statt sie selbst und echt zu sein. Ich könnte verrückt werden, wenn ich darüber nachdenke! Und ich bin mir mittlerweile sicher, dass GOTT sich das keinesfalls so gedacht hat. Wieviel Mühe, Kreativität und Leben hat er in jeden einzelnen gesteckt, um so individuelle, vielfältig begabte und auch begrenzte Menschen zu erschaffen und wir?  Wollen alle irgendwie anders sein. Aber es ist nicht nur eine Kraftverschwendung, es macht krank und ist letztlich auch eine Kritik am Schöpfer.

Natürlich heisst das nicht, dass jeder ungebremst und unreflektiert einfach handeln sollte. Ein Miteinander ist auf Rücksichtnahme und Kompromisse angewiesen. Aber wie befreiend wäre es, wenn wir entdecken können, wer wir sind, wie GOTT uns gemacht und was er sich dabei gedacht hat. Mit allen Begabungen und Begrenzungen. Und wem es dann gelingt, ein „Ja“ zu seinem eigenen Ich zu finden, der wird auch mit einem weiten Herzen die Gaben und Fehler seiner Mitmenschen wahrnehmen. Wir könnten uns ergänzen und aneinander wachsen und würden uns mit unseren Fehlern angenommen wissen.

Selbst JESUS war für mein Dafürhalten kein idealer Frommer. Er hat die Menschen geliebt, Kranke geheilt und getröstet, aber er war auch aufbrausend, wenn ihn etwas wütend machte, hat oft unerwartet und für die Menschen unangemessen reagiert, ungebremst die Wahrheit gesagt und er war gern und oft alleine. Ein recht seltsamer Zeitgenosse, der in unseren christlichen Kreisen wohl oft unangenehm auffallen würde. Sollte man mal drüber nachdenken. Er hat weder Gäste bewirtet, noch Gemeindearbeit geleistet oder war sozial engagiert. ER hat die Menschen aber bedingungslos geliebt und viele, die IHM begegnet sind, durften das spüren und erleben. ER hat gesagt, was wichtig und richtig war. Nicht mehr und nicht weniger. Für IHN war nicht wichtig, welche Tugenden und feinen Charakterzüge ein Mensch besaß, sondern ob er bereit war, IHM zu folgen und an IHN zu glauben. ER hat in jedem den gleichen Wert gesehen.

So ist es nun fürwahr eine Wohltat, einen sanftmütigen Menschen um sich zu haben, aber es ist genauso gut und wichtig, dass es energische und kritische Menschen gibt. Ich bewundere Leute, die gerne viele Gäste und stets ein offenes Haus haben, aber es ist genauso wichtig, einen Rückzugsort für sich und seine Familie und damit geschützten Raum für den Einzelnen mit seinen Bedürfnissen und für Familienleben mit Konflikten und Nähe zu schaffen. Sozial veranlagte Menschen sind ein Segen, aber auch der Einzelgänger, der viel nachdenkt und reflektiert, ist ein großer Schatz für jede Gemeinschaft, wenn er sich denn angenommen fühlt und gehört wird. Das eine ist nicht besser oder frömmer als das andere. Ich frage mich wirklich, wie diese einseitige Sicht der Dinge, wie ich sie so oft erlebe, sich so über Jahrhunderte festsetzten und weiterleben konnte. Ist denn keinem aufgefallen, wie Unrecht man damit vielen Menschen, die nicht in’s Bild passen, und deren Schöpfer tut? Wieviel Menschen sind schon an dem frommen Bild gescheitert und haben frustriert und enttäuscht über sich selbst oder andere Christen aufgehört, nach GOTT zu suchen?

Wir wollen unseren Kindern mitgeben, dass sie toll sind, genauso wie sie sind, weil es ja auch stimmt. Wie sollen sie aber lernen, mit ihren Eigenheiten und denen der anderen umzugehen, wenn sie zuhause und in der Gemeinde nur frömmelnde Christen erleben, die jegliche Abweichung von der selbstaufgestellten Norm sowohl bei sich selbst als auch bei anderen tunlichst vermeiden wollen und als Versagen empfinden? Wenn der der Frommste ist, der am meisten tut, redet und zu sehen ist. Es bereitet mir große Sorgen zu sehen, in welche Vorstellungen vom Christsein die nächste Generation hineinwächst. Wiewenig Raum für Entfaltung und Freiheit vielen Kindern und Jugendlichen in frommen Familien gewährt wird. Der „christliche “ Weg ist doch recht vorherbestimmt, was man zu tun und zu lassen hat, wie man sein soll und wie nicht, aber dem kann  unmöglich jeder gerechtwerden.  Und soll es auch nicht!

Wenn sich in unseren Köpfen, Gedanken, Reden und Handeln nichts ändert, werden unsere Kinder genau wie wir an diesen frommen Ansprüchen scheitern, sich als Versager und unzureichend fühlen und nie sehen können, was wir in ihnen sehen: wundervolle, einzigartige Geschöpfe, perfekt in ihrer Unperfektheit. Und genau das sind wir selber doch auch!

Vor ein paar Tagen habe ich reichlich genervt zu meiner Tochter gesagt: „Jetzt sei doch mal nicht so schlecht gelaunt!“  Sie antwortete trotzig: „Ich kann so sein, wie ich will!“ Da war ich plötzlich so froh und glücklich, musste lächeln und hab gedacht: ‚Ja, GOTT sei Dank, da hast du Recht!‘

Bildquelle: istock.com / Cranach

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2 Antworten

  1. Yvonne sagt:

    Ich teile den Wunsch, dass wir Christen uns ohne fromme Fassade begegnen. Manchmal erhebe ich den Wunsch zum Anspruch. Aber Ehrlichkeit und Offenheit kann man nicht fordern. Sie müssen wachsen. Ich kann bei mir selbst anfangen, authentisch zu sein und zudem dazu beitragen, dass das Klima in der Gemeinde so wird, dass Menschen sich öffnen können.

    Du fragst woher die Werte kommen. Biografisch gesehen sind wir Nachkriegskinder und –enkel.
    Fleiß, Gehorsam und Frömmigkeit – das ist auch seelisches Erbe. Wie viele sitzen in unserer Gemeinde, die als Kind erfahren haben, dass für Authentizität keine Zeit war, dass sie vielleicht sogar mit verbaler Demütigung und Schlägen bestraft wurde? Wie viele durften nicht lernen, dass ihre Gefühle wichtig und kein Störfaktor sind? Solche Verletzungen sind tief verwurzelt und lassen sich nicht so einfach aus dem Weg räumen.

    Deshalb will ich gern barmherziger, geduldiger und freundlicher werden, zu mir selbst und zu anderen. Weil das für mich nicht heißt, meinen Nächsten mit Nettigkeiten zu überhäufen und meine Gefühle dabei zu vergraben. Es bedeutet für mich, bei mir zuhause und bei meinem Nächsten ein Gast zu sein, mein eigenes Denken und Fühlen für die Zeit der Begegnung auch mal hintenan zu stellen, zu fragen, zu hören und zu verstehen.

    Über drei Aussagen bin ich wirklich gestolpert: Jesus hat keine Gäste bewirtet? Jesus hat keine Gemeindearbeit geleistet? Jesus war nicht sozial engagiert?

  2. Pierre sagt:

    Ich teile deine Auffassung in weiten Zügen, möchte aber gern noch ein/zwei Aspekte hinzubringen. Die Gesellschaft verändert sich zunehmend schneller. Und mit ihr auch die Ansprüche/ Normen/ Werte. Ich persönlich sehe hier auch eine krasse Tendenz zum Individualismus und persönlichen Freiheitsdenken.

    Hier stelle ich mir die Frage, ob das so gedacht war. Bin ich das Wichtigste? Es gibt sicherlich viele Menschen, die viel zu wenig Rücksicht auf sich nehmen. Und insofern teile ich deine Meinung, sehe aber das Risiko, dass sich andere darauf „ausruhen“. Und uns würde es heute nicht so gut gehen, wenn viele nicht auch „über Ihren Schatten gesprungen wären“. Hierzu gibt es im Übrigen viele Beispiele in der Bibel, wie auch von freundlichen, sanftmütigen, hilfsbereiten und gastfreundlichen Menschen. Und: Selig sind die Sanftmütigen (Matthäus 5.5).

    Es ist ein sehr vielschichtiges Thema. Ich möchte aber trotzdem auch gern zum Verlassen der Komfortzone ermutigen. Ich weiß, da ist es recht schön, aber die Selbstverwirlichung ist nun einmal oft konträr zur Nächstenliebe. Jeder muss bei sich selbst prüfen, wo er steht und was dran ist.

    Und da gehört natürlich auch dazu, das was Andere tun zu akzeptieren. Ich finde den Artikel richtig und wichtig. Unterhaltet euch mit euch selbst und mit Anderen. Wo steht ihr und was ist grad dran?

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