Lass es (gut) sein.

Nein, bewusst kein Ausrufezeichen am Ende des Titels, obwohl es grammatikalisch wohl richtig wäre.

Aber wenn man diesen Satz hört oder selber sagt, so klingt doch meist etwas Sanftes mit. Es ist okay, beunruhige dich nicht weiter, lass es gut sein. „Let it be“

Loslassen, Frieden finden, Neues zulassen, das sind Themen, die uns nicht nur am Beginn eines neuen Jahres beschäftigen. Das ganze Leben ist durchzogen mit Abschieden und selbst den Kleinsten fallen diese meist schwer – sei es der heissgeliebte Schnuller oder das Ende der „ich-bin-den-ganzen-Tag-bei-Mama“- Zeit. Die Eltern versuchen natürlich, den Abschied zu versüßen und versprechen ein Geschenk oder stellen dem Kind tolle Kindergartenerlebnisse vor Augen. Und tatsächlich sind solche Veränderungen im Kindes- und Jugendalter oft positiv besetzt, weil sie mit erfreulichen Neuerungen einhergehen und man gerne Altes hinter sich lässt: den Kindergarten (Hurra, ich bin ein Schulkind und nicht mehr klein!), die gesamte Schulzeit (endlich frei), das gesetzliche Kindsein (wer fiebert seiner Volljährigkeit nicht entgegen?).

Irgendwann im Leben kommt aber der Moment, wo Verlust und Veränderungen nicht mehr mit schönen Aussichten, sondern mit einer großen Leere verbunden sind und wir unwillkürlich festhalten (wollen). Dabei geht es nicht nur um den Tod geliebter Menschen. Wir halten fest an alten Überzeugungen und Gewohnheiten, es fällt schwer, die eigenen Kinder (wohin auch immer) gehen zu lassen oder gute Vorsätze auch umzusetzen. Und oft ist es uns vom Verstand aus durchaus klar, wie notwendig und vernünftig eine Veränderung ist, aber unsere Seele versteht solche Argumente nicht.

Besonder schwer fällt das Loslassen, wenn es um unser Innerstes geht, um das, was uns (vermeintlich) ausmacht: die eigene Sicht und Vorstellung vom Leben. Wenn der Augenblick kommt, in dem uns bewusst wird, dass unsere Überzeugungen und Sicherheiten dem Leben nicht standhalten, dass unsere tiefsten Wünsche sich nicht erfüllen werden und wir niemals der Mensch sein können, der wir sein wollen, dann ist der Schmerz kaum zu ertragen und wir weigern uns, die Wahrheit zu akzeptieren. Es gibt keinen wirklichen Trost für so einen Verlust und deshalb erstarren wir, sind gelähmt und halten fest, was irgendwie geht.

Doch: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erden fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh.12,24)

Es muss also erst etwas (in uns) sterben, damit etwas Neues wachsen kann. Von der Weizenernte ist bei der Aussaat noch nichts zu sehen und sie ist nach menschlichem Ermessen eigentlich unmöglich (wie sollen ein paar Körner Nahrung für viele Menschen sein?).

Genauso ist es für uns oft nicht möglich zu sehen, wie aus unserem Verlust und Abschied Neues wachsen sollte. Und trotzdem müssen wir den Schritt des Loslassens wagen, um Raum für Neues und Gutes zu schaffen. GOTTes Zusage gilt: Aus dem gestorbenen Weizenkorn wird ER Frucht wachsen lassen. Auch in der Jahreslosung ist diese Zusage zu finden.

Manchmal muss man loslassen um herauszufinden, was (oder wer) einen wirklich trägt.

 

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1 Antwort

  1. Yvonne sagt:

    Loslassen – ein schönes und schmerzhaftes Thema, auch für uns gerade sehr aktuell. Viele Jahre waren die Kinder unsere (weltliche ;-))Nummer eins und jetzt verbringen sie immer mehr Zeit in ihrem Zimmer oder sie sind unterwegs…
    Und dann suchte vor ein paar Tagen unsere Tochter ein Gespräch mit uns: Sie möchte gern im Rahmen eines Schüleraustauschs drei Monate nach Südamerika gehen. Echt jetzt? Südamerika? Drei Monate? Sind Spanien und Frankreich nicht auch schöne Länder? Da können wir uns wenigsten ins Auto setzen und dich abholen, wenn’s brennt!

    Dem Begriff „Midlife Crisis“ habe ich eher lächelnd entgegen gesehen, aber er erfüllt sich zunehmend mit Wahrheit. Auf der einen Seite ist da viel Loslassen, nicht nur die Kinder, auch beispielsweise die Überzeugung, dass ich noch das Kraftpotential meiner Jugend habe.
    Und es tun sich Fragen auf: Wo stehe ich? Was ist mir wichtig? Was mache ich mit dem Rest meines Lebens? Darf ich noch verrückt sein oder ist es Zeit, solide zu werden :)?
    Auf der anderen Seite sind da auch neue Energien, Ideen und die Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt.

    Und ich lasse auch gern los, gewisse Dinge die ich früher geglaubt habe. Zum Beispiel die Angst die meinen jugendlichen Glauben geprägt hat. Ich lasse die Angst los, dass mein Glauben vielleicht nicht gut genug ist, um für immer bei Gott zu sein. Da macht Loslassen Spaß! Es fällt Last ab. Ich bin erleichtert.

    Mit einigen Dingen aus der Vergangenheit muss ich mich versöhnen, um wieder den Blick für die Zukunft frei zu haben. Für viele Dinge bin ich dankbar. Und einigen Erlebnissen schaue ich wehmütig hinterher. Die Zeiten sind vorbei!

    Ich habe Fehler gemacht. War nicht immer der Mensch der ich gern sein wollte. Ich sehne mich nach Vollkommenheit und habe sie öfters angestrebt und dann schmerzhaft festgestellt: Es gibt sie nicht hier auf der Erde. Wir bekommen in manchen Momenten nur eine Ahnung davon!

    Ich finde deinen letzten Satz sehr wichtig und ermutigend: Loslassen und herausfinden, wer oder was einen wirklich trägt. Danke für diesen Artikel!

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