Die Kirche vor der Flüchtlingsfrage

Vor zwei Tagen schickte mir eine gute Freundin einen Artikel, der die Haltung der Sächsischen Landeskirche zur Flüchtlingsfrage, speziell zu Pegida kritisch beleuchtet. Ich glaube, mit euch die Sorge um den Frieden in unseren Gemeinden, den Frieden in Sachsen, Deutschland und der Welt zu teilen. Und wie ihr, suche ich nach Wegen, zu diesem Frieden beizutragen, die Angst in den Köpfen, meinem und denen der Anderen ernst zu nehmen und zu bekämpfen, denn – um es mit einem Zitat aus einem Film zu sagen „Angst essen Seele auf“, Angst macht starr und lässt uns denen hinterher laufen, die einfache Lösungen versprechen.

Um so mehr besorgt es mich, dass die Landeskirche so lau Stellung bezieht zu Pegida und Co., dass selbsternannte Menschenfischer, die um ihr Charisma wissen, gerade offensichtlich zu Rattenfängern werden…

Ich glaube, wir müssen alle um eine möglichst klare Position ringen, dürfen in dieser Situation nicht lau sein und müssen in unserem Umfeld andere zu einer klaren Haltung ermutigen. Dass beides möglich ist, sich in der Nachfolge Jesu klar für Nächstenliebe auch gegegnüber Andersgläubigen und Geflüchteten zu positionieren und trotzdem die Angst der Geschwister im Glauben seelsorgerlich ernst zu nehmen, hat der geistliche Impuls von Jonas Großmann gezeigt. Ich wünschte, Carsten Rentzing wäre ebenso mutig …

Also, lest mal den folgenden Artikel und lasst uns darüber ins Gespräch kommen:
Link zum ZEIT-Artikel „Oh Gott- Sachsen!“

Ein paar Gedanken dazu von mir:
Ungünstig finde ich die Verknüpfung der Themen Homosexualität und Pegida, da das erste Thema in Sachsen, zumal im südwestlichen Bible Belt sehr stark emotionalisiert. Für Außenstehende legt sich die Verknüpfung wohl deshalb nahe, weil in Deutschland schon einmal religiöse und sexuelle Minderheiten unter Instrumentalisierung vermeintlich christlicher Werte verfolgt wurden. Ich würde dennoch beide Themen lieber getrennt diskutieren und hier erstmal bei Pegida / Islamophobie bleiben.

Allerdings hat das Thema Homosexualität auf den zweiten Blick tatsächlich etwas mit unserer Haltung gegenüber anderen Religionen zu tun. Wo nämlich an der Oberfläche über Schwule und Lesben diskutiert wird, geht es auf einer tieferen Ebene eigentlich um das „richtige Verständnis“ der Bibel. Es gibt sehr unterschiedliche Weisen, die Bibel ernst zu nehmen, und leider – oder zum Glück – liefert die Bibel selbst keine eindeutige Gebrauchanleitung mit.
Ein wort-wörtliches Verständnis der heiligen Schriften – und zwar sowohl der Bibel als auch des Korans – das sich darauf beruft, die Schrift sei den jeweiligen Verfassern von Gott quasi in die Feder diktiert, macht einen Dialog mit dem jeweils Anderen nahezu unmöglich, obwohl man sich im Glauben an die unumstößliche Offenbarung Gottes und im Ernst der jeweiligen Glaubensbefolgung eigentlich sehr ähnlich ist. Einen solchen Fundamentalismus halte ich – und zwar egal von welcher Religion er gepflegt wird – für sehr gefährlich. De facto wird hier Gott für die eigen Lesart vereinnahmt und beanspruchen Menschen an der Stelle Gottes über Andere richten zu dürfen.

Zur Haltung der Kirche gegenüber Pegida: es ist in Kontroversen immer problematisch, die Zeit des Nationalsozialismus ins Feld zu führen, da sich der Gesprächspartner dadurch schnell in die Ecke gestellt fühlt und Gespräche oft beendet sind, bevor sie beginnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir wirklich wachsam sein und aus der Geschichte lernen sollten. Mein eigener Großvater hat in den 30er Jahren Theologie studiert. Die Lektüre von Briefen und Tagebüchern meiner Großeltern hat mir gezeigt, wie schnell junge, kritische Menschen in den Strudel politischer Stimmungen hineingezogen werden können, wie schwer es ist, sich dem zu entziehen und gegenüber einer verunsicherten Mehrheit klar Stellung zu beziehen.
Wenn Theo Lehmann jetzt die Angst vor dem Islam schürt, dann kann ich einfach nicht anders, als daran zu denken, wie die Mehrheitskirche unter dem Deckmäntelchen des Glaubens in den 30er jahren gegen „das Weltjudentum“ mobil gemacht hat, wie die Bekennde Kirche sich zwar gegen die Einmischung des Staates in kirchliche Belange verwahrt hat, es aber eben nicht geschafft hat, den Antijudaismus in den eigenen Reihen zum Thema zu machen, sondern bei der Judenverfolgung mehrheitlich weggeschaut hat. Nur Einzelne wie Bonhoeffer hatten damals den Mut, öffentlich zu protestieren: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen …“ Ich denke an meine muslimischen Freunde, ich denke an die Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump und frage mich, wohin Muslime noch emigrieren sollen, wenn die Islamophobie weltweit mehr Boden gewinnt…

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Evangelische Kirche in der sogenannten Stuttgarter Erklärung zu ihrer Schuld bekannt – immerhin. Jetzt wäre es an der Zeit, den gleichen Fehler nicht ein zweites mal zu machen, sich an die Seite der Schwachen zu stellen, auch wenn’s manchmal weh tut und definitiv interne Auseinandersetzungen nötig macht.

Genau dazu, dem Leiden nicht aus dem Weg zu gehen, auf Trost zu hoffen, Trost zu spenden und notwendige Konflikte auszutragen – dazu hat mich auch die heutige Predigt ermutigt.

Jetzt wünsche ich euch eine gute Lektüre des o.g. Artikels. Bin gespannt auf euer Feedback und fände es wichtig, über den einen oder anderen Gedanken im Gespräch zu bleiben.

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3 Antworten

  1. Yvonne sagt:

    Liebe Cornelia,
    vielen Dank für dein Engagement, deine Liebe und deinen Mut. Der von dir angesprochene Gedanke bewegt mich zur Zeit auch sehr: Viele Christen glauben Gottes Wahrheit in der Tasche zu haben. Ich glaube, es handelt sich oft um die eigene Wahrheit, geprägt von der eigenen Biografie. Wenn ich das sage, sprechen mir einige den „richtigen“ Glauben ab oder sie sagen, der Teufel zerrt an mir. Ich denke, der Teufel ist nicht dort, wo wir Christen ihn gern und offensichtlich hinmalen, sondern dort, wo wir ihn nicht erkennen.
    Ermutigt hat mich die Predigt von Markus Jung über die Seligpreisungen. Selig sind, die da geistlich arm sind…
    Ich höre viele Meinungen und habe meine eigenen Denk- und Glaubensmuster. Manchmal weiß ich nicht, was richtig ist, wer recht hat, was Gott will und ob meine Wahrheit Gott gefällt. Ich suche, ich ringe, ich glaube erkannt zu haben… Es steht mir jedoch nicht zu, meine Erkenntnisse zu absolutieren.
    Werden jetzt ähnlich wie beim Thema Homosexualität die Flüchtlinge dafür ge(miss)braucht, um einen Machtkampf unter Christen auszutragen, wer die Bibel richtig auslegt?
    Uns bleibt nur eines und das ist sehr viel: Uns an Jesus zu orientieren. Er hat sich zugewandt und zwar den Kranken, Schwachen, Notleidenden und Ausgegrenzten.

  2. Cornelia sagt:

    Lieber Herr Großmann,

    in vielen Punkten stimme ich Ihnen zu. Im Zeit-Artikel wird tatsächlich von der anderen Seite pauschalisiert. Erst am Ende versuchen die Autor/innen die Kurve zu kriegen, indem sie – sehr kurz – darauf hinweisen, dass sich die Christen in Clausnitz um die verängstigten Flüchtlinge kümmerten und schreiben, die Kirche sei möglicherweise sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung.  Und nachdem ich die Antrittspredigt von Carsten Rentzing gelesen habe, glaube ich, dass das Statement zu Pegida, mit dem ihn die Zeit zitiert („Ich weiß es nicht, ich zweifle“) ihm nicht gerecht wird und vermutlich aus dem Zusammenhang gerissen ist. Bei aller berechtigten Kritik an der Presse finde ich aber trotzdem, dass der Artikel den Finger an einen wunden Punkt legt. Ich habe viel mit Menschen Kontakt, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, Christ/innen und Nicht-Christ/innen, hier und in anderen Bundesländern. Andererseits erlebe ich in meinem unmittelbaren Umfeld ein erschreckendes Maß an Angst und Feindlichkeit gegenüber Fremden und das wird aus meiner Sicht durch den Glauben nicht immer gemindert, sondern teilweise noch verstärkt.
     
    Evangelikalen-Bashing: das ist ein hartes Wort. Deshalb möchte ich mich hier noch einmal klarer positionieren. Ich nehme wahr, dass in unseren evangelikal-pietistisch geprägten Breiten die Frage nach der „Rechtgläubigkeit“ und damit verbunden die Frage nach dem „rechten Bibelverständnis“ eine große Rolle spielt. (In der kirchlichen Tradition, in der ich groß geworden bin, waren diese Fragen der Bewährung des Glaubens im Leben, im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, nachgeordnet.) So richtig ich es finde, im Gebet und im Gespräch miteinander immer wieder um Verständnis dessen zu ringen, was Gott uns in der jeweiligen Situation mit seinem Wort sagen will, so sehr zweifle ich, dass es „das richtige Bibelverständnis“ oder „den richtigen Glauben“ überhaupt gibt. Ich glaube, dass Gott zu verschiedenen Menschen auf verschiedene Weisen spricht und ich frage mich, wo es enden soll, wenn fromme Christ/innen eine ganz bestimmte Lesart der Bibel – nämlich ihre eigene – als die einzig richtige, der göttlichen Offenbarung entsprechende deklarieren.

    (Ich selbst habe es im Gespräch mit meinen „Geschwistern im Glauben“ mehr als einmal erlebt, dass mein Ringen um ein rechtes Verständnis der Bibel mit einem mitleidigen Lächeln ob meines vermeintlichen Kleinglaubens quittiert wurde sowie mit einen Blick, der mir Fürbitte verspricht. Dass Gottes Geist auch historisch-kritische Leser inspirieren kann, wird manchmal gar nicht in Erwägung gezogen. Eine solche Selbstgerechtigkeit finde ich mindestens ärgerlich … Dass es auch selbstverliebte historisch-kritische Methodisten gibt, ist mir klar, aber wer ernsthaft historisch-kritisch Exegese betreibt, sollte sich eigentlich schon qua Methode bewusst sein, dass er der Bedeutung des Textes allenfalls nahe kommt, die einzig richtige Auslegung jedoch nicht für sich pachten kann …)

    Und damit wären wir bei dem, was mir eigentlich Angst macht: von der Sicht, mein Glaube sei der einzig wahre, zum religiösen Fanatismus ist es aus meiner Sicht nur ein kleiner Schritt. Wenn man Krieg in muslimischen Staaten oder Gewalt gegen Andersgläubige im eigenen Land toleriert und als Gottesstrafe deutet und für die Bekehrung der Andersgläubigen betet, wird’s für mich schwierig, ganz zu schweigen davon, wenn man sich selbst zum Richter an Gottes Stelle macht. In diesem Sinne möchte ich fragen: Eine „inhaltlich-theologische Bewertung (?) des Islam“ – steht uns das überhaupt zu? Genau wie Christen glauben Muslime, dass ihre heilige Schrift Gottes Offenbarungen enthält. Wer will darüber entscheiden, welche von beiden die wahre ist, als Gott allein.   

    Wenn ich mit meinen muslimischen Freunden über den Glauben rede, erzählen wir uns Geschichten aus den jeweiligen Büchern. Wir finden Gemeinsamkeiten und Unterschiede, wir staunen bewundernd über manche Aussage der anderen Religion und äußern unser Befremden über andere Aussagen – offen, ehrlich, gemeinsam auf der Suche nach Gott – demselben?  einem andern? – diese Frage stellt sich eigentlich gar nicht, da wir gemeinsam davon überzeugt sind, dass es nur einen gibt. Ein unterschiedliches Schriftverständnis ist übrigens auch hier die „härteste Nuss“ für einen fruchtbaren Dialog … 

    Soviel erst mal von mir. Bin gespannt, wie’s weitergeht. Allen Interessierten will ich hiermit noch Navid Kermani wärmstens empfehlen: iranisch-deutscher Orientalist, Journalist und Schriftsteller, bekennender Muslim, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, schreibt sehr lesenswertes über den Islam („Wer ist wir – Deutschland und seine Muslime“) und über das Christentum („Ungläubiges Staunen“).

  3. Jonas Großmann sagt:

    Danke für den Artikel, mit Leidenschaft und Engagement. Danke! Das ist großartig und sehr nötig! Ich erlebe leider zu wenig Diskussion in die Weite hinaus.

    Ich teile sehr das Ringen an sich und das Ringen um klare Position, Nächstenliebe usw.

    Die Position von Carsten Rentzing habe ich bisher jedoch anders wahrgenommen. Das finde ich spannend, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen. Sind dessen Aussagen qualitativ lau oder ist quantitativ nichts zu hören? Was ich von Ihm höre/lese, ist durchaus sehr klar und viel mehr als das knappe Statement hier (z.B. Antrittspredigt 29.8.15 u.Ä.: http://www.evlks.de/landeskirche/landesbischof/27415.html). Auch Kirchenleitung, Synode usw. haben in vielfältigen Äußerungen sich deutlich positioniert (http://www.evlks.de/kontakt/beauftragte/27781.html).
    Leider – und das ärgert mich – wird dies kaum wahrgenommen. Egal, woran das liegt (Kirche/Medien/Gemeinden/Bevölkerung?). Es kommt zu wenig an. Ich denke zum Beispiel an die Ereignisse von Clausnitz. Wie viel wurde über die Ausschreitungen/Hass/Attacken berichtet? Wie viel wurde vom Engagement der Kirchgemeinden berichtet (http://www.evlks.de/aktuelles/nachrichten/28639.html). Ich empfinde Ungerechtigkeit über (medial) einseitig vermittelte Bilder. Sachsen ist in Deutschland bekannt für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

    Diesen Blick nehme ich auch im ZEIT-Artikel (mit vielfältigsten Kommentaren) wahr. Die benannten Aspekte sind alle jeweils für sich zu betrachten und zu diskutieren (siehe z.T. unten). Auf jeden Fall! Aber in dieser Zusammenstellung und Eingführung kann ich die Intention nicht teilen. Die Sächsische Landeskirche ist viel mehr. Was alles an Gutem passiert! Kirchgemeinden sind (heutzutage) eine der wenigen gemeinschafts- und wertestiftenden Räume. Und: In aller Flüchtlingshilfe sind fast überall Christen und Kirchgemeinden involviert, engagiert, verantwortungsübernehmend und leitend. (Und wer auf „DIE Kirche“ schimpft, dem ist zu sagen: DIE Kirche gibt es nicht. Du bist selber ein Baustein. Bring Dich ein. Verändere, was Dich stört.)
    Aber: „only bad news are good news“. Deutschland, Sachsen, unserer Kirche, unseren Dörfern und Gemeinden geht es ziemlich gut! Davon ausgehend gilt stets, wachsam zu sein und die Zeichen der ZEIT 😉 wahrzunehmen.

    > Mit Ciprian war ich in der Ausbildung. Für ihn tut es mir wirklich leid. Ähnlich fanden auch andere Kollegen – aus anderen, nicht so emotionalisierbaren Gründen – leider nicht ihren Platz in unserer Kirche.
    > Über Theo Lehmann bin ich erschrocken. Ehrlich erschrocken! Seine Haltung in der Flüchtlingsthematik kann ich nicht nachvollziehen. Aber: Das Evangelikalen-Bashing, was sich daran anschließt, mache ich nicht mit. Wieder wird ein Einzelfall herausgepickt: Das Evangelisationsteam erkennt den Bischof usw. nicht als geistliche Leitung an. Die meisten, die evangelikal genannt werden, sehen das anders und stehen in der Mitte der Landeskirche. Z.B. die konservative Bekenntnisinititiative.
    > Der Umgang mit Flüchtlingen (muslimisch usw.) ist klar zu unterscheiden von der inhaltlichen-theologischen Bewertung des Islam als Religion. Islamophob ist nicht schon der, der im Gott der Muslime nicht den Gott der Christen sieht. Ich bin mit den Phobien an sich zurückhaltend, weil doch hinter den Ängsten oft andere als die offensichtlichen stecken.

    Soweit, in aller Kürze, es gäbe noch viel. Bitte weiter diskutieren. Ich bin gespannt …

    Gott schenke Zuversicht und Weisheit. Und Frieden. Und v.a. Trost. ER hat uns immer noch in Seiner Hand; und hat uns lieb.

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