Die Kirche vor der Flüchtlingsfrage

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3 Antworten

  1. Yvonne sagt:

    Liebe Cornelia,
    vielen Dank für dein Engagement, deine Liebe und deinen Mut. Der von dir angesprochene Gedanke bewegt mich zur Zeit auch sehr: Viele Christen glauben Gottes Wahrheit in der Tasche zu haben. Ich glaube, es handelt sich oft um die eigene Wahrheit, geprägt von der eigenen Biografie. Wenn ich das sage, sprechen mir einige den „richtigen“ Glauben ab oder sie sagen, der Teufel zerrt an mir. Ich denke, der Teufel ist nicht dort, wo wir Christen ihn gern und offensichtlich hinmalen, sondern dort, wo wir ihn nicht erkennen.
    Ermutigt hat mich die Predigt von Markus Jung über die Seligpreisungen. Selig sind, die da geistlich arm sind…
    Ich höre viele Meinungen und habe meine eigenen Denk- und Glaubensmuster. Manchmal weiß ich nicht, was richtig ist, wer recht hat, was Gott will und ob meine Wahrheit Gott gefällt. Ich suche, ich ringe, ich glaube erkannt zu haben… Es steht mir jedoch nicht zu, meine Erkenntnisse zu absolutieren.
    Werden jetzt ähnlich wie beim Thema Homosexualität die Flüchtlinge dafür ge(miss)braucht, um einen Machtkampf unter Christen auszutragen, wer die Bibel richtig auslegt?
    Uns bleibt nur eines und das ist sehr viel: Uns an Jesus zu orientieren. Er hat sich zugewandt und zwar den Kranken, Schwachen, Notleidenden und Ausgegrenzten.

  2. Cornelia sagt:

    Lieber Herr Großmann,

    in vielen Punkten stimme ich Ihnen zu. Im Zeit-Artikel wird tatsächlich von der anderen Seite pauschalisiert. Erst am Ende versuchen die Autor/innen die Kurve zu kriegen, indem sie – sehr kurz – darauf hinweisen, dass sich die Christen in Clausnitz um die verängstigten Flüchtlinge kümmerten und schreiben, die Kirche sei möglicherweise sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung.  Und nachdem ich die Antrittspredigt von Carsten Rentzing gelesen habe, glaube ich, dass das Statement zu Pegida, mit dem ihn die Zeit zitiert („Ich weiß es nicht, ich zweifle“) ihm nicht gerecht wird und vermutlich aus dem Zusammenhang gerissen ist. Bei aller berechtigten Kritik an der Presse finde ich aber trotzdem, dass der Artikel den Finger an einen wunden Punkt legt. Ich habe viel mit Menschen Kontakt, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, Christ/innen und Nicht-Christ/innen, hier und in anderen Bundesländern. Andererseits erlebe ich in meinem unmittelbaren Umfeld ein erschreckendes Maß an Angst und Feindlichkeit gegenüber Fremden und das wird aus meiner Sicht durch den Glauben nicht immer gemindert, sondern teilweise noch verstärkt.
     
    Evangelikalen-Bashing: das ist ein hartes Wort. Deshalb möchte ich mich hier noch einmal klarer positionieren. Ich nehme wahr, dass in unseren evangelikal-pietistisch geprägten Breiten die Frage nach der „Rechtgläubigkeit“ und damit verbunden die Frage nach dem „rechten Bibelverständnis“ eine große Rolle spielt. (In der kirchlichen Tradition, in der ich groß geworden bin, waren diese Fragen der Bewährung des Glaubens im Leben, im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, nachgeordnet.) So richtig ich es finde, im Gebet und im Gespräch miteinander immer wieder um Verständnis dessen zu ringen, was Gott uns in der jeweiligen Situation mit seinem Wort sagen will, so sehr zweifle ich, dass es „das richtige Bibelverständnis“ oder „den richtigen Glauben“ überhaupt gibt. Ich glaube, dass Gott zu verschiedenen Menschen auf verschiedene Weisen spricht und ich frage mich, wo es enden soll, wenn fromme Christ/innen eine ganz bestimmte Lesart der Bibel – nämlich ihre eigene – als die einzig richtige, der göttlichen Offenbarung entsprechende deklarieren.

    (Ich selbst habe es im Gespräch mit meinen „Geschwistern im Glauben“ mehr als einmal erlebt, dass mein Ringen um ein rechtes Verständnis der Bibel mit einem mitleidigen Lächeln ob meines vermeintlichen Kleinglaubens quittiert wurde sowie mit einen Blick, der mir Fürbitte verspricht. Dass Gottes Geist auch historisch-kritische Leser inspirieren kann, wird manchmal gar nicht in Erwägung gezogen. Eine solche Selbstgerechtigkeit finde ich mindestens ärgerlich … Dass es auch selbstverliebte historisch-kritische Methodisten gibt, ist mir klar, aber wer ernsthaft historisch-kritisch Exegese betreibt, sollte sich eigentlich schon qua Methode bewusst sein, dass er der Bedeutung des Textes allenfalls nahe kommt, die einzig richtige Auslegung jedoch nicht für sich pachten kann …)

    Und damit wären wir bei dem, was mir eigentlich Angst macht: von der Sicht, mein Glaube sei der einzig wahre, zum religiösen Fanatismus ist es aus meiner Sicht nur ein kleiner Schritt. Wenn man Krieg in muslimischen Staaten oder Gewalt gegen Andersgläubige im eigenen Land toleriert und als Gottesstrafe deutet und für die Bekehrung der Andersgläubigen betet, wird’s für mich schwierig, ganz zu schweigen davon, wenn man sich selbst zum Richter an Gottes Stelle macht. In diesem Sinne möchte ich fragen: Eine „inhaltlich-theologische Bewertung (?) des Islam“ – steht uns das überhaupt zu? Genau wie Christen glauben Muslime, dass ihre heilige Schrift Gottes Offenbarungen enthält. Wer will darüber entscheiden, welche von beiden die wahre ist, als Gott allein.   

    Wenn ich mit meinen muslimischen Freunden über den Glauben rede, erzählen wir uns Geschichten aus den jeweiligen Büchern. Wir finden Gemeinsamkeiten und Unterschiede, wir staunen bewundernd über manche Aussage der anderen Religion und äußern unser Befremden über andere Aussagen – offen, ehrlich, gemeinsam auf der Suche nach Gott – demselben?  einem andern? – diese Frage stellt sich eigentlich gar nicht, da wir gemeinsam davon überzeugt sind, dass es nur einen gibt. Ein unterschiedliches Schriftverständnis ist übrigens auch hier die „härteste Nuss“ für einen fruchtbaren Dialog … 

    Soviel erst mal von mir. Bin gespannt, wie’s weitergeht. Allen Interessierten will ich hiermit noch Navid Kermani wärmstens empfehlen: iranisch-deutscher Orientalist, Journalist und Schriftsteller, bekennender Muslim, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, schreibt sehr lesenswertes über den Islam („Wer ist wir – Deutschland und seine Muslime“) und über das Christentum („Ungläubiges Staunen“).

  3. Jonas Großmann sagt:

    Danke für den Artikel, mit Leidenschaft und Engagement. Danke! Das ist großartig und sehr nötig! Ich erlebe leider zu wenig Diskussion in die Weite hinaus.

    Ich teile sehr das Ringen an sich und das Ringen um klare Position, Nächstenliebe usw.

    Die Position von Carsten Rentzing habe ich bisher jedoch anders wahrgenommen. Das finde ich spannend, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen. Sind dessen Aussagen qualitativ lau oder ist quantitativ nichts zu hören? Was ich von Ihm höre/lese, ist durchaus sehr klar und viel mehr als das knappe Statement hier (z.B. Antrittspredigt 29.8.15 u.Ä.: http://www.evlks.de/landeskirche/landesbischof/27415.html). Auch Kirchenleitung, Synode usw. haben in vielfältigen Äußerungen sich deutlich positioniert (http://www.evlks.de/kontakt/beauftragte/27781.html).
    Leider – und das ärgert mich – wird dies kaum wahrgenommen. Egal, woran das liegt (Kirche/Medien/Gemeinden/Bevölkerung?). Es kommt zu wenig an. Ich denke zum Beispiel an die Ereignisse von Clausnitz. Wie viel wurde über die Ausschreitungen/Hass/Attacken berichtet? Wie viel wurde vom Engagement der Kirchgemeinden berichtet (http://www.evlks.de/aktuelles/nachrichten/28639.html). Ich empfinde Ungerechtigkeit über (medial) einseitig vermittelte Bilder. Sachsen ist in Deutschland bekannt für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

    Diesen Blick nehme ich auch im ZEIT-Artikel (mit vielfältigsten Kommentaren) wahr. Die benannten Aspekte sind alle jeweils für sich zu betrachten und zu diskutieren (siehe z.T. unten). Auf jeden Fall! Aber in dieser Zusammenstellung und Eingführung kann ich die Intention nicht teilen. Die Sächsische Landeskirche ist viel mehr. Was alles an Gutem passiert! Kirchgemeinden sind (heutzutage) eine der wenigen gemeinschafts- und wertestiftenden Räume. Und: In aller Flüchtlingshilfe sind fast überall Christen und Kirchgemeinden involviert, engagiert, verantwortungsübernehmend und leitend. (Und wer auf „DIE Kirche“ schimpft, dem ist zu sagen: DIE Kirche gibt es nicht. Du bist selber ein Baustein. Bring Dich ein. Verändere, was Dich stört.)
    Aber: „only bad news are good news“. Deutschland, Sachsen, unserer Kirche, unseren Dörfern und Gemeinden geht es ziemlich gut! Davon ausgehend gilt stets, wachsam zu sein und die Zeichen der ZEIT 😉 wahrzunehmen.

    > Mit Ciprian war ich in der Ausbildung. Für ihn tut es mir wirklich leid. Ähnlich fanden auch andere Kollegen – aus anderen, nicht so emotionalisierbaren Gründen – leider nicht ihren Platz in unserer Kirche.
    > Über Theo Lehmann bin ich erschrocken. Ehrlich erschrocken! Seine Haltung in der Flüchtlingsthematik kann ich nicht nachvollziehen. Aber: Das Evangelikalen-Bashing, was sich daran anschließt, mache ich nicht mit. Wieder wird ein Einzelfall herausgepickt: Das Evangelisationsteam erkennt den Bischof usw. nicht als geistliche Leitung an. Die meisten, die evangelikal genannt werden, sehen das anders und stehen in der Mitte der Landeskirche. Z.B. die konservative Bekenntnisinititiative.
    > Der Umgang mit Flüchtlingen (muslimisch usw.) ist klar zu unterscheiden von der inhaltlichen-theologischen Bewertung des Islam als Religion. Islamophob ist nicht schon der, der im Gott der Muslime nicht den Gott der Christen sieht. Ich bin mit den Phobien an sich zurückhaltend, weil doch hinter den Ängsten oft andere als die offensichtlichen stecken.

    Soweit, in aller Kürze, es gäbe noch viel. Bitte weiter diskutieren. Ich bin gespannt …

    Gott schenke Zuversicht und Weisheit. Und Frieden. Und v.a. Trost. ER hat uns immer noch in Seiner Hand; und hat uns lieb.

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