Es geht um alles

© CERN, Lucas Taylor

Seit einigen Tagen läuft sie wieder. Die Weltmaschine. Das größte jemals von Menschen erdachte und umgesetzte Forschungsprojekt, die teuerste Maschine, der komplexeste Apparat der Weltgeschichte.
Das LHC am CERN in Genf wurde nach einem zweijährigen, umfassenden Umbau zu Ostern 2015 wieder in Betrieb genommen. An Planung und Bau waren rund 10.000 Wissenschaftler und Techniker aus 100 Staaten weltweit beteiligt. Seit dem Jahr  2000 wurden dafür rund 6 Milliarden Euro investiert.

Nun sollte man meinen, dass ein solcher gemeinsamer Kraftakt der gesamten Menschheit nur einem hehren Ziel gewidmet sein kann, wie etwa der zukünftigen Sicherung von Nahrung, Energie und Rohstoffen auf unserem Planeten. Doch weit gefehlt: Es geht um der Frage, welche Kräfte das Universum zusammenhalten, wie die elementaren Bausteine der Materie beschaffen sind. Als das LHC am 10. September 2008 in Betrieb ging, titelte der SPIEGEL: „Die Jagd nach dem Gottesteilchen beginnt“ – die Rede war vom sogenannten Higgs-Boson, das als der letzte noch fehlende Baustein im Standardmodell der Teilchenphysik galt und tatsächlich im Jahre 2012 gefunden wurde.

Wenn der Name Gottes ins Spiel gebracht wird, dann geht es ums Große und Ganze. Um die grundlegenden Fragen unserer Existenz, wie das Universum entstanden ist und wie es womöglich damit weitergeht. Der berühmte gelähmte Physiker Stephen Hawking hat es einmal folgendermaßen ausgedrückt: „Im Grunde bewegen nur zwei Fragen die Menschheit: Wie hat alles angefangen? Und wie wird alles enden?“

Interessanterweise beschäftigen sich Wissenschaftsdisziplinen wie die Atomphysik oder auch die Astronomie mit ähnlich grundsätzlichen Fragen wie die Religion. Fragen nach dem Woher und wohin, nach Zeit und Ewigkeit. Und tatsächlich hat das Weltbild, das sich aus wissenschaftlichen Einsichten ergibt, auch immer Einfluss auf die Vorstellung der Menschen von Gott, dem Schöpfer. Es geht also in Genf – anders ist der gigantische Aufwand nicht zu erklären – nicht nur um irgendein Teilchen. Es geht um alles.

Als der junge Theologiestudent Charles Darwin im Jahr 1831 zu seiner Weltreise mit der MS Beagle aufbricht, hat er noch keine Vorstellung davon, wie sehr das, was er in den nächste Jahren über die belebte Natur entdecken wird, den Blick der Menschen auf Gott verändern wird. Nicht erst seit seinem Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ zeichnete sich mehr und mehr ab, dass das Bild von Gott als dem Marionettenspieler, der alle natürlichen Abläufe im wahrsten Sinne des Wortes lenkt, nicht taugt. Bereits seit einiger Zeit wurde beispielsweise die Bewegung der Himmelskörper besser verstanden, durch Kopernikus, Kepler und Galilei beschrieben und schließlich von Isaak Newton auf physikalische Gesetzmäßigkeiten  zurückgeführt. Die Welt erschien jetzt vielmehr wie ein riesiges, wunderbares Uhrwerk, geschaffen durch die Hand eines genialen Schöpfers. Seit Darwin und den Entdeckungen anderer Wissenschaftler in Biologie, Chemie und später auch Astronomie und Physik, trat jedoch ein  Begriff immer deutlicher in den Vordergrund: „Entwicklung“ auf lateinisch „Evolution“.

Nicht zuletzt leiteten naturwissenschaftliche Entdeckungen wie diese den Beginn der Neuzeit ein, in der sich die westliche, christliche Welt mehr und mehr öffnete. Vorausgegangen waren 1000 Jahre Finsternis – das Mittelalter mit seiner Enge, die mit der oft gewaltsam organisierten Durchsetzung angeblich göttlicher Ordnungen geschaffen wurde. Und es ist kein Zufall, dass die großen Entdeckungen über das Wesen der uns umgebenden materiellen Welt (Beispiel: Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus 1492) mit großen Veränderungen innerhalb der Kirchen und des christlichen Glaubens zusammenfallen (Veröffentlichung der 95 Thesen durch Martin Luther 1517).

Für uns Christen ist es heute, mehr als 150 Jahre nach Darwins Entdeckungen, noch immer nicht leicht, diese neue Sicht auf die Welt mit unserem Gottesbild in Einklang zu bringen. Das hat vor allem etwas damit zu tun, dass Gedanken wie biologische Evolution oder ein Erdalter von mehreren Milliarden Jahren dem biblischen Schöpfungsbericht (1. Mo. 1) scheinbar widersprechen. Damit eröffnet sich gleichzeitig eine viel grundsätzlichere Frage, nämlich: Wie lesen wir die Bibel? Und wie sieht bibeltreues Leben aus?

Vor einigen Jahren, vor dem Beginn der digitalen Revolution ging in christlichen Kreisen die sensationelle Meldung um, dass es gelungen sei, den gesamten Text der Bibel auf Mikrofilm im Format eines Dia-Lichtbildes abzubilden. Übertragen auf heutige Speichermedien könnte man sagen, dass der Informationsgehalt der deutschen Bibel, der etwa 4 Megabyte beträgt, ca. 8000 mal auf einer gängigen fingernagelgroßen Speicherkarte im Format MicroSD  Platz findet.  Glauben wir wirklich, dass damit schon alles über den Unendlichen, Ewigen gesagt ist, dass wir ihn damit quasi in die Hosentasche stecken können?

Die Bibel selbst gibt Antwort darauf. Paulus schreibt in seinem großen Hymnus über die Liebe (1. Kor. 13): „Denn unsere Erkenntnis ist bruchstückhaft […] Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel […] doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt […] Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe aber ist das Größte.“

Mit diesem von der Liebe Gottes geprägten Denken haben Christen zu allen Zeiten unsere Gesellschaft maßgeblich positiv beeinflusst und teilweise revolutioniert. Die ersten Christen richteten soziale Sicherungssysteme ein, wie sie im neuen Testament beschrieben werden (Witwen- und Waisenversorgung, Altenpflege, Aufnahme von Fremden), Persönlichkeiten wie Florence Nightingale oder Martin Luther King haben aus ihrem Glauben heraus Bemerkenswertes vor allem für Ausgegrenzte und von der Gesellschaft Vergessene getan.

Leider muss allzu oft Gottes Name dafür herhalten, die bestehenden Zustände zu zementieren. Immer wieder hat besonders die herrschende Klasse ihren Machtanspruch mit einer offenbar göttlichen Legitimation begründet. Und wenn heute in Debatten die Sachargumente fehlen, wird gern mit der Sorge um unser christliches Abendland gearbeitet  oder man sieht Gottes gute Ordnungen bedroht.

Dabei haben wir doch aus der Natur gelernt, dass Gott eine Welt schuf, die Raum hat, sich weiterzuentwickeln. Das ist der Grund, warum wir eben nicht mehr nach den biblisch überlieferten Moralbestimmungen einer archaischen Gesellschaft von vor 3000 Jahren leben. Seit Jesus haben wir gelernt, dass wir Gottes Wesen und Willen immer wieder neu erforschen sollen, um nicht auf der Seite der Pharisäer zu stehen (siehe Mk 2,23-28).

Zu Darwins Zeiten waren die Gelehrten drauf und dran, Gott aufgrund der neuen Entdeckungen vollständig aus ihrem Weltbild zu streichen. Erst einige Jahre später erkannte ein gläubiger Christ namens Max Planck, wie falsch sie damit gelegen hatten. Seine Formulierung der Quantentheorie und die Schlussfolgerung, dass Materie und damit die uns umgebende sichtbare Welt ausschließlich „aus Geist“ besteht, lässt er einmal in seinem berühmten Ausruf gipfeln „Hin zu Gott!“.

Heute forschen unter anderem auch viele Christen am CERN, um den Geheimnissen von Gottes Schöpfung auf die Spur zu kommen.  Praktizierende Christen wie der aus dem Fernsehen bekannte Münchner Physiker Harald Lesch oder der Chemnitzer Physiker und stellvertretende sächsische CVJM-Vorsitzende Hans-Reinhard Berger bringen ihren Glauben intensiv mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit in Verbindung. Der Leipziger Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg hat es einmal folgendermaßen ausgedrückt: „Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“.

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3 Antworten

  1. Johannes H sagt:

    Vielen Dank für die Mühe und Inspiration in diesem Text.
    Erst vor kurzem habe ich eine Quarks & Co Sendung über das Thema CERN gesehen und musste staunen. Nicht nur über diese gewaltige Anlage, die da gebaut und betrieben wird und den Aufwand, den wir Menschen betreiben um Schritt für Schritt mehr Wissen über unsere Welt zu bekommen. Nein, auch über Gott selbst. Wie detailliert und bis bis ins Kleinste durchdacht unsere Welt gemacht wurde. Und dennoch sind wir mit unserer Forschung und Wissenschaft noch lange nicht am Ziel, sondern sehen (womöglich für immer) nur Bruchstücke des großen Ganzen.

    In dem Sinne noch einmal vielen Dank für diesen Text (gern mehr davon).

  2. Ruben sagt:

    Wenn die Frage an mich ging: ja, ich glaube, dass die Bibel authentisch und deshalb wahr ist. Die Schöpfungsgeschichte ist offenbar kein Tatsachsenbericht, sondern ein Loblied auf einen großen Schöpfer. Das meine ich, wenn ich sage, dass wir auf der Suche bleiben sollten. Wir müssen uns diesen Fragen stellen. Kein Grund, den Halt zu verlieren.

  3. pierre sagt:

    Mir stellt sich folgende Frage: Wenn wir die Bibel nach menschlichene Maßstäben in wahr und falsch unterteilen, dann glauben wir doch nicht mehr daran, dass sie göttlich inspiriert ist? Und wenn wir trotzdem daran glauben – wo ist dann die Grenze? Was ist dann noch wahr?

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