Ehe – Himmel auf Erden?

von Sandro Göpfert, Pfarrer in Mülsen
Ich hoffe, ihr habt etwas Humor mitgebracht für diesen Artikel. Eine Ehe ist nicht nur immer Spaß – ich denke, das wissen alle, die verheiratet sind. Und doch sollte man das Ganze nicht zu ernst nehmen, sondern auch mal schmunzeln können.

Beginnen wir mit der Zeit der Partnersuche. Da stand in einer Zeitung zu lesen: „Farmer sucht Frau mit Traktor zwecks Beziehung und evtl. Ehe. Bitte mit Bild vom Traktor!“

Und wenn es dann geklappt hat mit der Hochzeit und man die ersten fünfzig Jahre hinter sich gebracht hat, dann steht das Jubiläum der Goldenen Hochzeit an. Und da kann es dann äußerst verräterisch sein, wenn ein alter Freund den Jubilar anlässlich der Feier fragt, was er denn in all den Jahren als die schönste Zeit empfunden hätte und dieser darauf antwortet: „Das waren meine fünf Jahre russische Kriegsgefangenschaft!”

Auf die Spitze treiben kann man das dann bei der Diamantenen Hochzeit, wenn ein Reporter kommt und das Ehepaar fragt, warum sie immer so harmonisch zusammen gelebt haben. Sagt der Ehemann: „Das fing schon damals auf der Hochzeitsreise in Mexiko an! Wir hatten einen Ausritt mit einem Maultier. Beim Aufsteigen hat das Tier
meine Frau getreten. Sie sagte ganz leise: „Eins“. Nach einigen Kilometern war ihr Maultier bockig und wollte nicht mehr weiter. Sie sagte ganz leise: „Zwei“. In einer Schlucht hat das Tier gescheut und hat meine Frau fast abgeworfen. Meine Frau sagte: „Drei“, hat einen Revolver gezogen und das Tier erschossen. Ich habe meiner Frau Vorhaltungen gemacht und gesagt, das sei wohl nicht notwendig gewesen. Sie hat mich nur angesehen und sagte dann ganz leise: „Eins“! Damit war das entscheidende geklärt.
Ich gebe zu – diese Witze gehen etwas einseitig auf Kosten der Frauen. Aber da wir wissen, dass Männer nun mal kein bisschen besser sind, ist das hoffentlich okay – das nur als Nebenbemerkung, bevor ich Ärger mit Frauenrechtsorganisationen bekomme. Wer seine Ehe tatsächlich als Zumutung erlebt – wer sich nicht ernstgenommen fühlt von seinem Partner oder wie in einem Gefängnis, der wird jetzt vielleicht verärgert sein. Aber Ärger kann man sich heutzutage ja auch einhandeln, wenn man die Ehe zwischen Mann und Frau stark macht und sie aus christlicher Sicht zum Leitbild erhebt. Der Trend – inzwischen auch in christlichen Kreisen – geht ja klar in eine andere Richtung:

Bereits vor sechs Jahren erschien in der liberalen evangelischen Zeitschrift „zeitzeichen“ ein Leitartikel über „Lebensformen“. Dort heißt es unter der Überschrift „Paare, Partner, Singles: Jahrhundertelang gab es nur eine wirklich legitime Lebensform für Mann und Frau – ,bis dass der Tod euch scheidet‘. Doch die Zeiten, in denen die Verwirklichung dieses Ideals notfalls herbeige-zwungen wurde, sind lange vorbei. Was früher mit Sodom und Gomorrha assoziiert wurde, nämlich eine große Vielfalt von Lebensformen, ist heute – fast – selbstverständlich geworden.“ Hier meint man, dass die klassische Ehe nur noch eine unter vielen möglichen Lebensformen sein kann. Die Zeiten haben sich eben geändert – und heute sind wir natürlich weiter als in der grauen Vergangenheit! Die Ehe wird als „Ideal“ bezeichnet – eigentlich entsprach sie ja nie so richtig der Wirklichkeit! Und der Anspruch „Bis dass der Tod euch scheidet“ erscheint hier fast als Drohung, als Schreckgespenst. Die Ehe als „Zwangsjacke“ – stimmt das denn wirklich? Man spürt den Geist der 68er-Bewegung: Endlich frei sein von veralteten Normen, von den Fesseln der Institution Ehe. Jeder wähle doch selbst, wie er leben will. Kreative Lösungen ausdrücklich erwünscht! Die eigene Unabhängigkeit ist eben wichtig!

Aber ich möchte heute nicht in erster Linie kritisieren, sondern einladen: Mit der Ehe ist es ja so wie mit dem Glauben: Beides lebt von Vertrauen und Hingabe. Und weder zum Glauben noch zu einer Ehe kann ein Mensch überredet oder gar gezwungen werden. Ich kann nur dafür werben, dazu einladen. Ich kann es nur vorleben. Ich kann nur sagen: Das ist das Beste, was dir passieren kann! Ich will mich nicht damit abfinden, dass die Ehe so verzerrt wird und in der Öffentlichkeit eine schlechte Presse hat. Denn wohin führt es, wenn wir die Ehe als festen Bund für‘s Leben immer mehr verabschieden?
Ein Artikel hat mich nachdenklich gemacht, der in der satirischen Zeitschrift „The Door“ erschien. Er stellt ein Versprechen vor, das sich unverheiratete Paare fairerweise geben sollten: „Ich, Peter, nehme dich, Julia, zu meiner Mitbewohnerin, um Sex mit dir zu haben und die Rechnungen zu zahlen. Ich bin bei dir, solange es gut läuft, aber wenn schwere Zeiten kommen, bin ich wahrscheinlich fort. Wenn du eine Erkältung bekommst, laufe ich zur Apotheke und hole dir Tabletten. Aber wenn du so krank bist, dass du meine Bedürfnisse nicht mehr befriedigen kannst, muss ich weiterziehen. Ich verzichte auf viele andere Frauen und bin dir mehr oder weniger treu, solange es mir guttut. Und selbst falls wir uns trennen, bedeutet das nicht dass unsere Beziehung nicht etwas Besonderes für mich gewesen wäre. Ich verspreche dir, so lange mit dir zusammenzuleben, solange es gut geht.“

Okay, das ist vielleicht etwas überzogen. Viele Paare, die unverheiratet zusammenleben, sagen ja, dass ihnen Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortung auch ohne Trau-schein ganz wichtig sind. Und das ist ja im Kern auch das, was eine Ehe auszeichnet. Und doch ist die Verschiebung deutlich – denn auch in der neuesten Orientierungshilfe der EKD ersetzen diese Werte „Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortung“ die Ehe, die gegenüber anderen Formen des Zusammenlebens relativiert wird. Natürlich ist eine Eheschließung heute noch keine Garantie: Wenn jede zweite Ehe geschieden wird, dann wird auch hier das Ziel – „bis dass der Tod euch scheidet“ – verfehlt. Aber ist das Scheitern von Ehen ein Argument gegen den Wert der Ehe? Können wir Verbindlich-keit, Verlässlichkeit und Verantwortung denn wirklich besser durchhalten, wenn wir den Rahmen lockern, den die Ehe doch bietet? Dietrich Bonhoeffer konnte vor 70 noch sagen, dass nicht die Liebe eine Ehe trägt, sondern dass umgekehrt die Ehe die Liebe trägt. Die Ehe als etwas Gegebenes, in dem die Liebe ein Zuhause hat – Gilt das noch? Machen wir uns da nicht etwas vor, wenn wir meinen, aus Rücksicht auf unsere Freiheit und Befindlichkeiten die Normen einfach aufgeben zu können, die unsere Gesellschaft tiefgreifend geprägt haben? Die eben nicht nur Missbrauch, sondern auch viel Segen gebracht haben? Die Stabilität ausdrücken und Kindern die Nestwärme geben, die sie brauchen? Bitte versteht mich nicht falsch: Ich möchte nicht die Paare kritisieren, die unverheiratet, aber verbindlich, verlässlich und verantwortlich zusammenleben. Ich will die nicht richten, deren Ehe gescheitert ist. Darum geht es mir überhaupt nicht! Aber ich frage: Wie hat sich Gott das mit der Ehe eigentlich gedacht? Wie kann es denn gehen?
Was fehlt, sind doch die guten Beispiele für eine Ehe. Mir fehlt die Ermutigung für junge und ältere Paare, die ihnen doch dabei helfen würde, diesen Schritt zu gehen. Pauschale Kritik an anderen Lebensformen bringt uns nicht weiter. Kritik an der Ehe aber schon gar nicht! Wir sollten stattdessen fragen: Was macht es gerade jungen Leuten heute so schwer – vielleicht viel schwerer als noch vor 20 Jahren – stabile, tragfähige Beziehungen aufzubauen? Was macht Mut, eine lebenslange Bindung einzugehen? Wie können wir unsere Ehe stärken und beieinander bleiben, auch wenn der Sturm kommt? Wie können unsere Ehen Zeichen der Liebe und Treue Gottes zu uns Menschen sein? Ich freue mich, dass im März bei uns in Niclas und Ortmannsdorf wieder ein Ehe-Kurs beginnt und der Fokus genau darauf gelegt wird: Was motiviert, was stärkt, was baut auf?

Bei Goldenen, Diamantenen und Eisernen Hochzeitsjubiläen erlebe ich: Da sind zwei miteinander alt geworden – trotz aller Brüche, Enttäuschungen, Schwierigkeiten. Wenn wir das künftig seltener haben, dann liegt das weniger daran, dass ein Partner vor dem Jubiläum stirbt – insgesamt sollte die Lebenserwartung ja weiter steigen. Was aber sinkt, ist die Bereitschaft, es mit dem anderen ein Leben lang auszuhalten und gemeinsam an der Beziehung zu arbeiten – sie so zu gestalten, dass die Ehe zum Segen für beide wird.

Heute fällt es jungen Leuten schwerer, sich fest zu binden, als früher. Es ist offenbar auch schwerer, zusammen zu bleiben. Wir haben eben mehr Wahlmöglichkeiten. Das ist sicher gut – aber nicht in jeder Beziehung! Nun hat niemand gesagt, – auch Gott nicht – dass eine Ehe der Himmel auf Erden ist. Aber die Ehe ist eine der besten Erfindungen Gottes. Denn Gott hat Mann und Frau füreinander geschaffen und seinen Segen auf die Ehe gelegt. Hier sollen sich zwei ergänzen, aneinander wachsen und reifen, füreinander da sein, auch mal einander ertragen und zueinander stehen. Und gerade die Widerstände, die Krisen und Schwierigkeiten machen doch Ehepaare stark, wenn sie bereit sind, das gemeinsam anzupacken. Beim Schreiben dieser Predigt habe ich mich an einer Stelle vertippt – statt Hochzeit hieß es dann Jochzeit. Ich habe darüber nachgedacht und gemerkt: Ja, das stimmt! In einer Ehe ziehen zwei unter einem Joch (hoffentlich in die gleiche Richtung) und das kann ganz schön anstrengend sein. Und doch spricht es uns Jesus auch hier zu, dass dieses Joch sanft und die Last leicht ist (Mt 11,30).
Ganz am Anfang der Bibel sehen wir, wie Adam und Eva von Gott zueinander hin geschaffen werden und von Gott einen gemeinsamen Lebensraum gewährt bekommen. Wenn von Adam und Eva die Rede ist, entlockt das vielen nur ein müdes Lächeln. Aber das ist keine vergangene Geschichte, die wir hinter uns lassen könnten, sondern das ist unsere Geschichte! Ich bin ein Adam, meine Frau ist eine Eva und Gott gewährt uns einen Lebensraum. Gott gibt und schenkt – das steht am Anfang. Zwei werden ein Fleisch, wachsen zusammen, sollen beieinander bleiben, ein Leben lang – so hat es sich Gott von Anfang an gedacht. Die Ehe als Schutzraum und als Vertrauensraum, in dem man einem Menschen so nahe kommen kann, wie es überhaupt geht – eine der besten Erfindungen Gottes. Hier verzichten zwei auf ein Hintertürchen und geben sich einander ganz hin – mit ihren Gaben und Stärken, aber auch mit ihren Begrenzungen und Schwächen. Und keiner von beiden denkt: Warum soll ich eigentlich kaufen, wenn leasen so viel einfacher wäre?

Diesen Raum der Ehe gibt uns Gott vor, die Gestaltung des Raums ist dann unsere Aufgabe. So ist es eigentlich generell: Vieles in unserem Leben haben wir nicht in der Hand. Wir sind nicht die Architekten unseres Lebens. Das Haus unseres Lebens bauen wir nicht selbst. Gott baut es für uns – von Anfang an verdanken wir uns ihm. Auch der Raum der Ehe ist etwas, das uns Gott, der Architekt, vorgegeben hat. Gemeinsam mit ihm sind wir aber Innenarchitekten. Wir gestalten den Raum, der innerlich nicht ganz festgelegt ist. Wer in einer Ehe den Abwasch macht, den Müll rausbringt, das Auto repariert, die Wohnung putzt, wie man die gemeinsame Zeit gestaltet, welche Hobbies jeder für sich pflegt – das alles ist ja von Ehe zu Ehe verschieden und hängt auch davon ab, wie man das abspricht. Und an dieser Stelle bin ich froh, dass ich nicht der Architekt unseres Ehehauses bin, denn mit der Inneneinrichtung haben meine Frau und ich genug zu tun!

Und es gibt noch eine interessante Verbindung zwischen der Ehe und Gottes Verhältnis zu uns. Im Epheserbrief heißt es: „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein‘. Dies Geheimnis ist groß; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde.“ Was hat es nun mit diesem Geheimnis der Ehe auf sich? Was hat die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau mit der Beziehung von Christus zu seiner Gemeinde zu tun?
Wir leben davon, dass Gott uns liebt und sich uns zärtlich zuwendet. Gott schließt einen Bund mit uns und verspricht, ihn zu halten. Und wir bleiben in diesem Bund, wenn wir Gott treu sind. Und darum geht es auch in der Ehe, die ebenfalls ein Bund ist. Auch hier geht es um Liebe, Treue und Hingabe. Eine Ehe ist ein sichtbares Zeichen der Liebe Gottes zu uns. Gott liebt den Ehemann – und diese Liebe soll der an seine Frau weiter geben. Gott liebt die Ehefrau – und diese Liebe soll sie an ihren Mann weiter geben. So wird Gottes Liebe zu uns durch unseren Ehepartner sichtbar. Okay, das werden wir nie perfekt hinbekommen – aber wir können es ein Leben lang üben. Und klar ist, dass eine Ehe das nur leisten kann, wenn sie wächst und nicht jederzeit gekündigt werden kann.

So wird in der Ehe Gottes Bund mit uns Menschen sichtbar. Deshalb ist eine Ehe ein ganz deutliches Zeichen – weil in ihr zwei so miteinander ernst machen wollen, wie Gott mit uns ernst macht. Das ist das Himmlische an der Ehe: Sie ist ein Abbild der Liebe Gottes zu uns. Und doch müssen wir uns von der Illusion verabschieden, die Ehe sei der „Himmel auf Erden“. In den Medien wird oft nur dieser eine Moment gezeigt: Das Verliebtsein, verbunden mit der Sehnsucht, den Richtigen bzw. die Richtige zu finden und mit ihm bzw. ihr für immer im siebten Himmel zu schweben. Wie jedoch Eheleute das Eheschiff durch den anspruchsvollen und bewegten Alltag steuern können – das wird kaum thematisiert. Viele Ehen zerbrechen an einer überhöhten Glückserwartung an den anderen. Auf dem Papier ist sie ein Unternehmen, das wenig Erfolg verspricht. Wie viel spricht dagegen! Aber gerade in unserer Schwäche, Ohnmacht und Armut strecken wir uns aus nach der kostbaren Gnade Christi. Das gibt Kraft für einen Neuanfang! So müssen Eheleute am Tropf ihres Herrn hängen – weil die Nährlösung immer von oben kommt. Genau genommen ist die Ehe ein Heilsweg. Der gemeinsame Lebensweg eines Mannes und einer Frau soll in den himmlischen Hochzeitssaal führen und sich dort für alle Ewigkeit vollenden. Wenn der gemeinsame Lebensweg ein Kreuzweg war und in den Himmel geführt hat – dann ist die Ehe gelungen, dann war sie glücklich. Die Ehe kann also nicht der „Himmel auf Erden“ sein. Doch hat sie etwas Himmlisches. Sie verweist uns auf Gott. Und unter dem Kreuz und der Gnade Christi wird sie in der Tiefe beglückend sein!

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